Nikol Che Sikijovski
Künstler aus Bitola (Mazedonien)
Geboren, um sich durch Farbe und Form auszudrücken.
Ich bin ein bildender Künstler aus Bitola, geboren im Jahr 1982. Mein erster ernsthafter Schritt in die Welt der Kunst begann bereits in der Grundschule "Kole Kaninski", wo ich aktiv an der Kunstsektion teilnahm und mein Talent und meine Liebe zum Zeichnen entdeckte.
Meine weiterführende Schulbildung absolvierte ich an der Schule "Taki Daskalo" mit dem Schwerpunkt Grafikdruck. Nach meinem Schulabschluss habe ich mich mehrere Jahre intensiv mit der Weiterentwicklung meiner künstlerischen Fähigkeiten beschäftigt, besonders in der Künstlergruppe rund um Risto Dimovski, unter der Mentorschaft des anerkannten Malers Zlatko Gecovski. Diese Zeit war entscheidend für meine künstlerische Entwicklung, durch praktisches Lernen, Erfahrungsaustausch und tägliche Inspiration.
Meine bevorzugte Technik ist Öl auf Leinwand. Über diese Technik bringe ich meine innere Welt am besten zum Ausdruck. Dennoch interessieren mich auch abstrakte Kunst sowie Bildhauerei, die für mich neue Felder der Entdeckung und Herausforderung darstellen. Ein besonderer Platz in meinem Schaffen gehört dem Porträt, der Moment, in dem man das Wesen, den Ausdruck und die Seele eines Menschen einfängt, inspiriert mich zutiefst.
Meine Kunst ist ein Spiegel meines Weges vom jungen Schüler mit einem Pinsel in der Hand bis hin zum reifen Künstler, der stets weiterlernt, forscht und erschafft.
Warum ein Porträt?
Auch heute stehe ich an der Seite meiner geliebten Frau Elena – ohne sie wüsste ich nicht, obich überhaupt noch am Leben wäre. Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, warum esmich so sehr zum Zeichnen von Porträts zieht. Ich erinnere mich an Gesichter, die ich schonals kleines Kind skizzierte: meine Großmutter Stojna väterlicherseits, meinen KunstlehrerCane, Vesna, Mile und viele andere.
Doch am lebhaftesten erinnere ich mich an die Entstehung des Porträts von Herrn Vlade,bekannt unter dem Spitznamen „Meceto“ (Bärchen). Er war mit seiner Frau, Frau Menka, zuBesuch. Sie war von Beruf Krankenschwester, und Jahre später nannten meine Frau und ichsie liebevoll „Die Lustige“, wegen ihrer markanten und ansteckenden Art zu lachen.
Menka war wohl eine entfernte Verwandte meines Vaters, der damals gemeinsam mit HerrnVlade als LKW-Fahrer für das Staatsunternehmen „Makedonski Šumi“ arbeitete. Währendsie am Esstisch saßen und ihr Meze genossen – eine Auswahl an frischen Salaten, Käse undAufschnitt – saß ich auf einem der beiden Sofas am Fenster. In diesem Zimmer von vier malvier Metern, dominiert von einer riesigen Schrankwand an der Westwand und dem Esstischmit sechs Stühlen in der Mitte, fühlte sich der Raum eng an.
Durch die Lücke zwischen zwei Stühlen hindurch gefror mein Blick förmlich an seinemSchnurrbart. Damals war ein solcher Schnurrbart in unserem Umfeld eine Seltenheit; nurwenige Menschen, die ich kannte, trugen einen.Ich zeichnete ihn hastig. Von uns Kindern im Alter von sieben oder acht Jahren wurdeerwartet, dass wir still waren, während die Erwachsenen am Tisch saßen. Wenn wir etwasvon den Süßigkeiten auf dem Tisch wollten, mussten wir uns zuerst an unsere Mutterwenden. Während Vesna und mein älterer Bruder Goran abwechselnd nach Leckereienfragten, den Blick auf den Fernseher der Marke „Končar“ gerichtet und spielerisch bettelnd,tauchte ich in meine eigene Welt ab.
Ich zeichnete Vlade „Meceto“, und zum Erstaunen aller – auch zu meinem eigenen – sah esihm wirklich ähnlich! Als ich mit dem Notizheft in der Hand aufstand, um in die Küche zugehen, bemerkte Frau Menka das Porträt. Als aufmerksame Erwachsene, die stets die Kinderim Blick behalten wollte, rief sie mit ihrer unverkennbaren Stimme: „Aber du hast ja denMeceto gezeichnet!“ Sie lachte laut auf und wiederholte: „Schaut mal, er ist es genau!“
Ich im Mittelpunkt? Ich fragte mich, was geschah. Alle im Raum sahen mich an. Diesewenigen Sekunden fühlten sich für mich wie eine Ewigkeit an. Meine Eltern, die nur wenigüber Kunst wussten, sahen mich nun mit anderen Augen. Eine neue Bedeutung lag in derLuft. Wie wichtig ich mich fühlte... alle Augen waren auf mich gerichtet. Ein siebenjährigesKind erlebt sein eigenes Nirvāna – eine große Aufführung in einem kleinen Raum.
Leider habe ich dieses Porträt nicht aufbewahrt. Ich besitze noch die Zeichnungen vonmeinem Kunstlehrer Cane und von Vesna aus der 8-D, aber jenes Porträt ist verloren. Wasjedoch geblieben ist, sind die Erinnerungen an die Blicke meiner Eltern in diesem Moment.
Ich war ein schwächliches Kind, das seit seinem zweiten Lebensjahr an Bronchitis litt – kaumstark genug, um heute überhaupt hier zu sein. Ich ertrug zahllose Infusionen und die damaligen Penicillin-Spritzen. Mit Bleistift und Papier wollte ich einfach nur geliebt werden,die gleiche Aufmerksamkeit und Liebe erfahren wie mein älterer Bruder. Eine Spur ausdieser Zeit ist die Narbe an meinem rechten Oberschenkel, wo mir durch meine Unruhe oderdie Unachtsamkeit der Krankenschwester die Nadel einer Spritze abbrach. Die Folgen diesesVorfalls spüre ich bis heute; mit dem Alter bereiten sie mir immer größere Beschwerden.
Doch schau dir das Porträt an, das ich gezeichnet habe... schau es dir an und wisse:
Ich bin HIER.
Heute male ich die verschiedensten Themen, doch das Porträt ist das, was ich tue, wenn ichmit mir allein bin. Nur dann, wenn ich versuche, eine Seele einzufangen, beginnt die Farbe zumir zu sprechen. Und ich? Ich bin am Leben.